Facilitation und ethischer Entwurf

Welche Wertvorstellungen den Entwurf anleiten sollten, und warum das gut ist.

Je nachdem um was für eine Art System es sich handelt, spielen ethische Kriterien eine mehr oder weniger wichtige Rolle beim Entwurf. In diesem Beitrag bespreche ich einige offensichtliche und weniger offensichtliche solcher Entwurfskriterien für Softwaresysteme. Ein System, dass die neuesten Nachrichten anzeigt, muss sich zum Beispiel der Frage stellen, ob die gezeigten Inhalte jugendfrei sind, wenn es von einem Kind bedient wird. Ein Sitzgurt im Auto darf nur bedenkenlos genutzt werden, wenn man nicht schwanger ist, weil sonst das Ungeborene bei einem Unfall durch den Bauchgurt Schaden nehmen würde (es gibt spezielle Gurte für Schwangere). Ein weiteres Beispiel sind Social Media Firmen,  die auf Suchteffekte bei ihren Benutzern (Dark Patterns) setzen. Von Killerdrohnen möchte ich hier gar nicht anfangen.

Die ethische Dimension im Umgang mit Softwaresystemen ist neu, denn die Branche ist noch nicht alt. In den ersten paar Jahrzehnten war es wohl wichtiger zunächst den Umgang mit der neuen Technologie zu lernen. So gibt es wenig Forschung und Ansätze, die beim Entwurf helfen, um die richtigen, d.h. ethisch korrekten Entscheidungen zu fällen. Fernab der rein rechtlichen Korrektheit, die sicherlich notwendig ist, um keinen Rechtsbruch zu begehen, ist dabei vielmehr die Frage nach den persönlichen Wertvorstellungen und Idealen, die berücksichtigt werden wollen. Dies ist also im Endeffekt für die individuelle Sinnstiftung bei der Arbeit an einem Systems wichtig, und legt damit den Grundstein für eine gute Zusammenarbeit.

Diesen Sommer habe ich mir wieder vermehrt Gedanken über Qualitätsmodelle gemacht, und bin der Frage nachgegangen inwieweit die Ethik die Qualitätsmerkmale eines Systems beeinflusst. Dabei bin ich auf die Forschung an der Universität Delft im Bereich Responsible Innovation gestossen. Hier sind in den letzten Jahren einige Arbeiten rund um das Thema entstanden, u.a. die Bücher “Responsible Innovation” und “Evil Online” von Jeroen van den Hoven et al.

Da ich selbst dieses Jahr ein System von breiter Wirkung für die Bundesverwaltung in Bern begleite, war ich sehr an diesem Thema interessiert. Neben den offensichtlichen Themen wie Datenschutz oder Agilität habe ich hierfür auch weitere Merkmale angeschaut:

  • Fairness
  • Nachhaltigkeit
  • Demokratie
  • Sicherheit
  • Transparenz und Offenheit
  • Emergenz
  • Menschen
  • Gerechtigkeit
  • Autonomie
  • Privatsphäre
  • Verantwortung
  • Rechenschaft
  • Freier Markt

Die Kausalkette geht von Werten aus, die sozialen Normen erzeugen, welche wiederum konkrete Anforderungen bedingen. Die Normen und Werte nenne ich suprafunktionale Anforderungen. Supra heisst, dass diese über den funktionalen und nicht-funktionalen Anforderungen im Requirements Engineering stehen, und diese bedingen. Ein paar Beispiele zur Illustration in Bezug auf die Öffentliche Hand:

Wert: Persönliche Sicherheit

Normen: Privatsphäre, Datenschutz

Anforderungen: Zugriffsschutz, Datenintegrität

Wert: Freier Markt

Normen: Ausschreibungen, Monopolismus, Interessenskonflikte

Anforderung: Offene Plattform statt geschlossenes System, Offene Daten

Wert: Demokratie

Normen: Freie Meinungsäusserung, Wahlen, Gleichberechtigung

Anforderung: Kommentarsystem, Nachrichten in Echtzeit, Keine personenbezogenen Daten

Wert: Autonomie

Normen: Föderale Leitkultur, Abstimmungsgremien

Anforderung: Holokratie, Agiles Vorgehen

Wert: Selbstverwirklichung

Normen: Eigenverantwortliche Arbeitsmittel, Arbeiten auf Augenhöhe, Sinnstiftung

Anforderung: Bring-your-own-device, Presencing

Im Entwurf eines Softwaresystems erschaffen wir auf Basis der Anforderungen und Probleme, so wie wir sie verstehen, eine Lösungsidee, die als Grundlage für die Umsetzung dient. Häufig stellt sich dann aber die Frage, welche Teile der Lösungsidee Wirklichkeit werden sollen. Da geht es vor allem um die harten Kriterien Kosten und Ressourcen, und es muss abgewogen werden, was wertvoll ist, und was nicht. Auch hierbei können ethische Argumente helfen und Klarheit fördern. Ruth Barcan Marcus hat hierzu vom moralischen Axiom der Higher-Order-Obligation gesprochen:

Wenn durch Innovation das Heute so verändern werden kann, dass morgen mehr Verpflichtungen erfüllt werden können, dann besteht heute eine moralische Obligation zu dieser Innovation.

Das bedeutet, dass die Zukunft einen wesentlichen Einfluss auf den Entwurf haben kann. So stellt sich die Frage, wie gut wir diese künftigen moralischen Verpflichtungen spüren können, und es schliesst sich der Kreis zur Haltung des Facilitation. In der Theorie U geht es darum, die bestmögliche Zukunft gemeinsam erlernen zu können. Ist das Team soweit, um ein tiefes, intuitives, emotionales und rationales Verständnis der Problemstellung zu entwickeln, so fallen diese Betrachtungen plötzlich leicht, und der Entwurf ergibt sich wie von selber.

Engagieren Sie also einen Facilitator und sorgen Sie so unter anderem für Sinnstiftung in der Produktentwicklung. Formen Sie ein hochperformantes Team mit tiefem Verständnis und hoher intrinsischer Motivation zum Wohle Ihrer Kunden von morgen.


Bild lizensiert nach Creative Commons: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/ – Atribution: https://twitter-trends.de/ethics-4/

Kommentar verfassen